Stativ&Stöckelschuh

KRUMBACH

Spagat des Lebens zwischen Stativ und Stöckelschuh

Fotoapparate als Leuchten, Filter überlagern Fotos, Suche nach dem Gleichgewicht. Lutz Volker Spies thematisiert in seiner Ausstellung Wahrnehmung und Wirklichkeit Von Peter Bauer

Stativ und Stöckelschuh: Auch der Spagat zwischen Stabilität und Gleichgewichtsverlust.

Foto: Peter Bauer

Eine glänzend rote Spitze, ein glänzend roter Absatz, gefühlte zehn Zentimeter hoch und geradezu hauchdünn. Der Blick fällt auf den Stöckelschuh in der Mitte des Raumes. Erotik, Abgrund, Provokanz, aber auch die Gefahr des schnellen Umknickens, des Gleichgewichtsverlusts: All diese Gedanken mögen dem Betrachter kommen beim Blick auf diesen Stöckelschuh. Lutz-Volker Spies hat den rotspitzigen Schuh aufgesetzt auf ein Stativ. Ein Stativ gibt bekanntlich Halt und Stabilität während des Fotografierens. Es könnte demnach auch für „innere Mitte“ stehen, wie es Spies umschreibt, oder gar für den „Fels in der Brandung“. Umknicken, Gleichgewichtsverlust und doch immer wieder die Suche nach der „inneren Mitte“: Das ist gewissermaßen der Spannungsbogen des gesamten menschlichen Lebens.

Ich bin kein Künstler“ betont Lutz-Volker Spies immer wieder während des Gesprächs über die Ausstellung. Doch den Spannungsbogen des Lebens hat er mit seinem Projekt auf eine kunstvolle Weise eingefangen. Seine Ausstellung „Stativ & Stöckelschuh“ ist derzeit in den gläsernen Valentin-Räumen in der Krumbacher Innenstadt zu sehen. Geöffnet ist sie jeden Tag ab 21 Uhr. Dann, wenn draußen die Sonne versunken ist und die Lichter im gläsernen Raum ein faszinierendes Eigenleben entwickeln.

Die Ausstellung: Das sind auch 25 von Spies gesammelte Fotoapparate, die meist viele Jahrzehnte alt sind. Spies veränderte ihr Innenleben maßgeblich, brachte sie mit moderner LED-Technik, die er in die Gehäuse eingebaut hat, selbst zum Leuchten. „Upcycling“ nennt er es. Es ist gewissermaßen eine Umkehrung ihrer „Funktion“. Das Licht dieser Leuchten fällt auf Spies‘ Fotografien, die in London Ende der 60er Jahre, viel später in Berlin entstanden sind oder auch auf seine Bilder des jüdischen Friedhofs in Hürben. Die Fotos hat er mit moderner Filtertechnik verändert, verfremdet.

Eine Art Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit. Damit stehen unvermittelt scheinbar endlos viele Fragen im Raum. Ist unsere Wahrnehmung, unser „Bild“ die „Wirklichkeit“? Was genau ist „Wirklichkeit“? Vielleicht gar nur ein Moment, eventuell nur eine Laune? Und was ist „stabil“? Wirkt nicht auch das scheinbar so stabile Stativ mit seinen langen Beinen zerbrechlich? Und könnte nicht gar der scheinbar so wackelige Stöckelschuhgang stabil sein, wenn man es versteht, bewusst das Gleichgewicht zu halten?

Viele Gedanken schon bei den ersten Blicken, innerer Versuch, Umkehr, neuer Anlauf. Irgendwie ist das auch die Welt der späten 60er Jahre. Der sogenannten „Hippie“-Zeit, die auch den Krumbacher Lutz-Volker Spies, Jahrgang 1948, maßgeblich geprägt hat. Zwei Jahre war er in London, kam dort mit diversen Gelegenheitsarbeiten (unter anderem Hilfskoch bei der Heilsarmee) irgendwie durch – und hat Erstaunliches erlebt.

Etwa Anarchisten und Trotzkisten, auftretend im Hyde Park, die Kunst der Pop Art. Trotzkisten? Allein das Wort klingt in der heutigen Wahrnehmung Lichtjahre entfernt. Rote, grüne oder blaue Farbflächen haben sich infolge der Filterbearbeitung über die Londoner Bilder gelagert. Filter? Die einstige Gedankenwelt der Pop-Art-Künstler ist heute gewissermaßen in den „Fotoeffektfiltern“ aufgegangen, alles auf Knopfdruck, in Fotoshop oder gar als Pop-Art-App für Smartphones.

Auf der anderen Seite des gläsernen Raumes: Bilder des Hürbener jüdischen Friedhofes. „Wir trieben uns da als Kinder öfters rum“, erinnert sich Spies. Er spricht von einer „befremdlichen Magie“. Man spürt in diesen Worten die Ahnungslosigkeit des damaligen Kindes, vielleicht auch das Schweigen der Erwachsenen nach all dem, was passiert war vor 1945. Auch das Bild des jüdischen Friedhofs hat Spies durch Filter verändert.

Unter anderem Schwarz-Weiß-Düster, beim Blick darauf Beklemmung, unweigerlich Gedanken an den Holocaust. Nebenan das gleiche Bild, aber stark verpixelt, manche Grabsteine wirken wie Wolkenkratzer. Spies spricht von New York. Elfter September? Holocaust, Elfter September, dazwischen Pop Art Anarchisten in London und jetzt „Kunst“-Apps fürs Smartphone. Es war und ist nicht leicht, in all dem das Gleichgewicht zu halten. Das Leben: Es bleibt ein Spagat zwischen Stativ und Stöckelschuh.

Die Ausstellung in den Valentin-Räumen ist nach Auskunft von Lutz-Volker Spies jeden Abend ab 21 Uhr geöffnet. Das Ende lässt Spies bewusst offen, um Raum für Gespräche zu geben. Immer wieder seien auch noch um 23 Uhr Besucher anwesend, sagt er. Auch im September bleibe die Ausstellung für Besucher zugänglich.

Derzeit ist noch offen, wann die Ausstellung wieder abgebaut wird. Die exklusiv von Spies umgebauten Kameras können auch handsigniert erworben werden.


 

http://www.augsburger-allgemeine.de/krumbach/Spagat-des-Lebens-zwischen-Stativ-und-Stoeckelschuh-id26807286.html
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Ein Kommentar zu “Stativ&Stöckelschuh

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